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Heute vor 28 Jahren – eine Zeitreise

Heute vor 28 Jahren stieg ich mit meinen Eltern in einen Zug in Polen um nach Deutschland auszureisen. Mit einem Urlaubsvisum und der Absicht zu bleiben.

paszportIch war 7 und wusste nicht, dass diese Fahrt zu meinem Großonkel nicht nur eine Urlaubsreise bedeuten würde. Schließlich waren meine Eltern auch schon ein Jahr zuvor für einige Wochen in Urlaub bei ihm. Sie brachten mir damals eine Barbie mit. Die Barbie war DAS Highlight bei meinen Vorschulfreundinnen. Solche West-Sachen kannten wir nur aus Quelle-Katalogen, die über deutsche Verwandtschaft mit nach Polen gebracht wurden. Der Quelle Katalog war der illustrierte Garten Eden. Er wurde in der Familie rumgereicht wie eine wertvolle Bibel. Abertausende von Sachen, die wir niemals hätten haben können. Nicht mal, weil wir arm waren, aber solche West-Sachen gab es nur in Pewex-Märkten, wo man nur mit Dollar und DM bezahlen konnte. Zu horrenden Preisen, da sie Waren ja rar waren.

Ansonsten gab es zu damaliger Zeit Lebensmittelmarken für Grundnahrungsmittel. Doch nur, weil man Marken hatte, hieß dies noch lange nicht, dass man was bekam. Die Regale waren leer. Man stand früh Morgens an oder bezahlte andere, die sich für einen für Stunden in die Schlange stellten – um im schlimmsten Fall nichts zu bekommen.

Solche Bilder kennt man heutzutage ja nur noch, wenn Apple wieder irgendeinen neuen überteuerten Hot Shit auf den Markt wirft.

Aber um zum Thema zurück zu kommen:

Ich hatte keine Ahnung, dass meine Eltern mit mir „abhauen“. Komisch fand ich nur, dass meine Mutter weinte, als sie sich von meinen Großeltern verabschiedete. Aber da sie mir mal erzählte, dass sie immer von Klassenfahrten abgeholt werden musste, weil sie so Heimweh hatte, habe ich es darauf geschoben. So ein Weichei!

Wir stiegen in einen Zug. Zugfahren war in Polen für uns Alltag. Autos hatten nur wirklich sehr wohlhabende Leute. Wenn mein Großonkel aus Deutschland mit seinem Audi 100 zu Besuch kam, bildeten sich Menschentrauben um dieses Auto.

Nur diese Reise dauerte ewig. Ich kann mich noch dunkel an einen Schlafwagen erinnern, mit fremden Menschen zusammen in einigen Hochbetten. Nur meine Mutter und ich in einem sehr schmalen Bett. Für meinen Vater war kein Platz, der blieb im normalen Abteil. Aber ich glaube auch nicht, dass meine Mutter nur ein Auge zugemacht hat. Ich habe eigentlich kaum Erinnerung an diese Fahrt, zumindest kaum Bilder. Nur eine Gefühlserinnerung, dass meine Eltern wahnsinnig angespannt waren und ich nicht wusste, warum. Sie hatten Angst, dass es nicht funktioniert. Dass sie uns als ganze Familie nicht ausreisen lassen. Wir waren ja schließlich nicht die ersten, die nicht mehr zurückkehrten.

Aber es ging alles gut, wir reisten in Bebra ein. Ein Ort in Nordhessen, in dem ich seitdem nie wieder gewesen bin. Mein Großonkel holte uns dort ab. Wir blieben bei ihm im Haus für einige Wochen.

Wir reisten anschließend viel durch irgendwelche grauen Behörden, in grauen Gebäuden, mit grauen Räumen, mit grauen Menschen, mit wahnsinnig vielen Akten. Dort wurden auch unsere Vornamen in deutsche Vornamen übersetzt, soweit möglich. Ich fand es furchtbar spannend, nicht mehr „Elżbieta“, sondern „Elisabeth“ mit Zweitnamen zu heißen. Und dass meine Mutter und ich nun den gleichen Nachnamen trugen wie mein Vater. In Polen enden die Nachnamen je nach Geschlecht anders. Herr Kowalski und Frau Kowalska sind dann als Familie die Kowalscy. Verrückt – plötzlich einen anderen Vornamen und einen „männlichen“ Nachnamen zu erhalten. Es war, als ob ich nun einen Künstlernamen hätte und prominent wäre.

Irgendwann wurde uns eine Übergangswohnung zugeteilt. Ein Schwesternheim neben einem Krankenhaus in Nordhessen. Eine kleine möblierte Wohnung. Ich erinnere mich irgendwie nur an die „Kinder Überraschung“, die mir mein Großonkel immer mitbrachte. Und Duplos mit Fußball-Stickern.

Ungefähr zu dieser Zeit, erklärten mir meine Eltern, dass wir nicht nur Urlaub in Deutschland machen. Dies wäre unser neues Zuhause. Meine Mutter fragte, ob das für mich in Ordnung wäre. Sie hatte Angst, dass ich weinen würde, weil ich meine Großeltern nicht mehr sehen könnte. Mir war das Ausmaß dieser Entscheidung sowieso nicht wirklich klar und so antwortete ich in meinem kindlichen Pragmatismus, dass das für mich okay wäre, wenn ich zu meiner Barbie einen Ken bekäme. Mein Großonkel kaufte mir einen Ken. Ich war das glücklichste Kind auf der gesamten Welt. (Übrigens bis heute ein Running Gag bei allen Familienfeiern, dass ich mein Vaterland für ein Spielzeug verraten habe.)

Nach einigen Wochen im Schwesternheim, wurde uns eine endgültige Wohnung im gleichen Ort zugeteilt. Meine Eltern freuten sich riesig. Wir wohnten in Polen zusammen mit meinen Großeltern in einem engen Haus. Die Wohnungsknappheit war groß. Miete war unüblich, man sparte auf eine Eigentumswohnung. Es dauerte wohl so 10 bis 15 Jahre, bis man die Chance hatte eine zu bekommen. (BTW: Durch die damalige Inflation reichte das Geld dieses Wohnungs-Sparbuchs, auf dem einige Monatsgehälter meiner Eltern waren, einige Jahre später bei der Auflösung nicht mal für einen Blumenstrauß für meine Oma.)

Diese Sozialwohnung lag in der Altstadt, hatte knapp 80qm und war bis auf eine Spüle und einen Herd in der Küche völlig leer. Die einzige feste Beleuchtung war eine Leuchtstoffröhre über dem Herd. Wir bekamen ein paar Möbel. Die Betten spendierte mein Großonkel. Der Rest stammte aus einem Altersheim. Zwei Sessel, ein kleiner Wohnzimmerschrank, ein Küchentisch mit Stühlen und eine Stehlampe. Von irgendjemanden, der im Heim verstorben war und keine Erben hatte. Oder diese kein Interesse an den Sachen hatten.

Die Stehlampe wurde über längere Zeit abends von Raum zu Raum getragen, weil außer in der Küche keine anderen Leuchtmittel im Haus waren.

Wir lebten von Sozialhilfe, meine Eltern waren täglich in einen Deutschkurs. Es sollte noch ein Jahr dauern, bis sie Arbeit bekamen. Wir kamen mit nichts als unseren Koffern. Wir hatten kaum Möbel. Holten einiges der Einrichtung vom Sperrmüll. Wir hatten gegen Ende des Monats oftmals kein Geld mehr. Ich habe das nie mitbekommen als Kind, aber ich weiß aus Erzählungen, dass der Sparkassen-Chef meinen Eltern einmal 50DM aus eigener Tasche in die Hand drückte, weil sie wirklich kein Geld mehr hatten, um Lebensmittel für die nächsten Tage zu kaufen.

Ich wurde mit 7 eingeschult. Ich verstand kein Wort Deutsch. Ich hatte eine nette Klassenlehrerin, die sich ein Deutsch/Polnisch-Wörterbuch kaufte, um mit mir zu kommunizieren. Meine Eltern erzählten, dass ein Jahr lang nicht ein Wort Deutsch aus meinem Mund kam und dann auf einmal sprudelte die deutsche Sprache aus mir heraus, als ob ich nie eine andere Sprache gesprochen hätte.

Nach einem Jahr bekamen meine Eltern Arbeit. Meine Mutter arbeitete als Bedienung in einer Kneipe, mein Vater als Handwerker. Sie hatten in Polen recht gute Bürojobs, aber meines Erachtens niemals die Erwartung, hier etwas Ähnliches machen zu dürfen. Es ging aufwärts.

Falls ihr euch fragt, warum ich euch hier meine Lebensgeschichte erzähle:

Wir waren sogenannte Spätaussiedler, keine Asylbewerber. (Wobei ich unterstelle, dass der „besorgte Bürger“, den Unterschied zwischen Asylant und Aussiedler nicht wirklich kennt.)

Aber letztlich waren wir vor allem eines:

Wirtschaftsflüchtlinge
Wir hatten keinen Krieg, wir litten keinen Hunger, wir wurden nicht verfolgt.

Meine Eltern wollten nur eine bessere Zukunft für uns. Eine Wohnung. Ein Auto. Oder Reisen. Etwas von der Welt sehen. Etwas Wohlstand, der in der alten Heimat – zumindest damals – nicht möglich gewesen wäre.

Wirtschaftsflüchtlinge – diese mysteriösen Fremden, vor denen sich der Mob da draußen so wahnsinnig fürchtet.

Ja, ich bin einer von ihnen. Ich habe das deutsche Bildungssystem kostenlos benutzt, um eine Ausbildung zu machen, um dann zu Arbeiten (ja, vermutlich hab ich auch mal einem „richtigen“ Deutschen mehrfach den Arbeitsplatz weggeschnappt) und zahle fleißig Steuern in deutsche Kassen. Meine Eltern tun dies seit jeher auch. Sie wohnen übrigens seit damals immer noch in der gleichen Sozialwohnung. Sie haben es nie bereut hierher geflüchtet zu sein. Deutschland ist unsere Heimat geworden.

Und nach genau 28 Jahren in meiner Wahlheimat, möchte ich sagen:

Danke Deutschland!

Für alles, was du für uns getan hast.

Nimm meine Steuergelder und gib es bitte weiterhin für Flüchtlinge aus. Deutschland gehört zu den reichsten Ländern dieser Welt. Niemand muss hier verhungern. Egal ob Eingeborener oder Ausländer.

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